200703_wertefabrik_header-3.jpg

Inspiration

Nur, wo Werte sind, kann Sinn entstehen

 
 

 

Blogbeiträge

Die Verlässlichkeit und ihre Schwester

 

Foto von Loic Leray auf Unsplash

 
 

Kann jemand zu verlässlich sein? Nein, ich meine nicht zuverlässig, sondern übertrieben verlässlich? Wenn es nämlich stimmt, dass jeder Wert in seiner Übertreibung zu einem Unwert verkommen kann und sich damit selbst entwertet, dann müsste dies auch für die geschätzte Eigenschaft der Verlässlichkeit gelten. Die Verlässlichkeit würde erst dann zur wahren Tugend, wenn es gelingt, das "rechte Maß" zu finden. Aber was kann an Verlässlichkeit schon schlecht oder zu viel sein? Ist jemand nicht einfach verlässlich oder eben nicht? Wie kann es dabei ein "rechtes Maß" geben? 

Wert liegt im Raum zwischen Polaritäten 

Das Verständnis von Tugenden als "rechte Mitte" geht auf Aristoteles zurück, der in seiner „Nikomachischen Ethik“ die Vorstellung entwickelt, dass jede Tugend zwischen zwei fehlerhaften Extremen zu bestimmen ist. So bewegt sich die Tapferkeit zwischen den Extremen der Feigheit und der Tollkühnheit. Weder die Feigheit ist wünschenswert noch eine vernunftlose Tollkühnheit.  

Wenn es diese Gegengewichte oder Polaritäten nicht gäbe, so verkümmerten menschliche Qualitäten schnell zu monotonen Werten, wie es der britische Wissenschaftler Gregory Bateson einmal ausgedrückt hat. Monoton ist ein Wert nach Bateson dann, wenn dieser entweder nur zu- oder nur abnimmt. Dagegen sind begehrte Substanzen, Dinge, Muster oder Erfahrungen, die wirklich nährend für den Organismus sind, niemals so beschaffen, dass mehr von der Sache stets besser ist als weniger davon. Vielmehr gibt es für alle Objekte und Erfahrungen eine Quantität, die einen optimalen Wert hat. Jenseits dieser Quantität wird die Variable toxisch. Unter diesen Wert zu fallen, bedeutet Entbehrung. 

Übertriebene Verlässlichkeit 

Als verlässlich beschreibt man eine Person dann, wenn man sich auf sie verlassen kann. Es geht um Vertrauen und die Sicherheit, dass jemand da ist, wenn man ihn braucht. Die Verlässlichkeit ist der Zuverlässigkeit sehr nah, betont aber stärker die emotionale und menschliche Komponente. Zuverlässigkeit fokussiert sich auf Leistung und Konsistenz, während Verlässlichkeit die Vertrauenswürdigkeit und emotionale Unterstützung betont. Wann geraten diese Qualitäten in eine negative Übertreibung? Hierfür wechseln wir zuerst die Seite. Es geht nun also nicht mehr um die externe Zuschreibung "Du bist für mich verlässlich.", sondern um meinen eigenen Anspruch "Ich möchte verlässlich sein." In der nicht hinterfragten Übertreibung dieses Anspruchs findet sich eine Spur, die in eine ungünstige Richtung weist. Wenn ich "übertrieben verlässlich" sein möchte, dann neige ich dazu, mich selbst zu vergessen und ständig auf Abruf zu sein. Dieses "auf Abruf" sein drückt sich unter Umständen darin aus, dass ich meine Bedürfnisse zugunsten anderer unreflektiert zurückstelle, es kann sich auch darin ausdrücken, dass ich in meinem Umfeld immer wieder nachfrage, ob denn wirklich alles in Ordnung sei oder ob ich noch etwas tun könnte. Dieser Anspruch kann einengen - mich selbst, da ich meine eigene Freiheit einschränke aber perspektivisch auch andere, die vielleicht gar nicht auf meine Verlässlichkeit angewiesen sein möchten.  

Die Schwestertugend der Verlässlichkeit 

Ich nenne solch eine Haltung "selbstaufopferndes auf Abruf sein". Was ist nun das krasse Gegenteil dieses "auf-Abruf-seins"? Man könnte es als "egozentrische Unverfügbarkeit" beschreiben. Ausgehend von diesem Unwert auf der Gegenseite der Verlässlichkeit sind wir nun kurz vor der gesuchten Schwestertugend der Verlässlichkeit angelangt. Die Schwestertugend ist die Eigenschaft, die den Wert vor seiner Übertreibung schützt. Nach Friedemann Schulz von Thun ist jeder Wert nur in ausgehaltener Spannung zu einem positiven Gegenwert ein wirklicher Wert. Mit anderen Worten: Kein Wert ist an sich allein schon, was er sein soll - er wird es erst durch die Einbeziehung des positiven Gegenwertes.  

Dieser Gegenwert liegt also auf der anderen Seite der Verlässlichkeit. Die Spur zur Tugend finden wir im positiven Kern der "egozentrischen Unverfügbarkeit". Das "rechte Maß" der Unverfügbarkeit würde ich als Autonomie beschreiben. Wenn ich autonom bin, muss ich nicht ständig auf Abruf sein und mein Wohlergehen ist nicht davon abhängig, dass ich anderen helfen muss, sondern kann. Ich gewinne Spielraum in meiner Verlässlichkeit und "darf" auch mal autonom und unabhängig bspw. meinen Bedürfnissen nachgehen - ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. 

Regenbogen-Qualitäten 

Diese kleine philosophische Reflexion lehnt sich an das sogenannte Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun an. Was ist mit einem solchen Wertequadrat gewonnen? Zum einen schärft es den Blick dafür, dass sich hinter dem beklagten Unwert (wie z.B. der Unverfügbarkeit) nicht etwas "Schlechtes" oder "Böses" verbergen muss, wdas es auszumerzen gelte. Vielmehr lässt sich darin immer ein positiver Kern entdecken, dessen Vorhandensein zu schätzen ist und allein dessen Überdosierung (des Guten zu viel) problematisch erscheint. Zum anderen ist mit dem Quadrat die Überzeugung verbunden, dass jeder Mensch mit einer bestimmbaren erkennbaren Eigenschaft immer auch über einen schlummernden Gegenpol verfügt, den er in sich wecken und zur Entwicklung bringen kann. Die Integration der Gegensätze ist das Geheimnis menschlicher Entwicklung. Ein Wert für sich allein genommen verabsolutiert sich leicht und entwertet sich selbst durch eine Übertreibung. In einem dialektischen Spannungsverhältnis zu seinem Gegenpol, der "Schwestertugend" entsteht jedoch etwas Neues, Drittes. Es ist hilfreich, sich zu sensibilisieren für „Regenbogen-Qualitäten“, die wie der Regenbogen nur entstehen, wenn scheinbare Gegensätze wie Regen und Sonne zusammenkommen.