Praxisbeispiele

Neustrukturierung im Team als Chance begreifen: Die Wiederentdeckung von Rollen, Verantwortung und Teamkohärenz

 
 
 

Die Dialektik von Wandel und Stabilität in Organisationen

Organisationen unterliegen einem ständigen Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Veränderung. In Zeiten von wachsender Komplexität und Dynamik wird die Fähigkeit zur strukturellen Anpassung zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Doch während Managementtheorien Effizienzgewinne und strategische Vorteile von Umstrukturierungen betonen, bleibt die Perspektive der Mitarbeitenden oft von Verunsicherung, Identitätsverlust und Widerständen geprägt.

Unser Projektbeispiel beschreibt die Transformation eines international tätigen Technologieunternehmens mit rund 500 Mitarbeitenden, das eine tiefgreifende Umstrukturierung erlebte. Im Fokus steht dabei ein Entwicklungsteam von 20 Personen, das sich einer Neukonstellation von Rollen, Verantwortlichkeiten und internen Dynamiken stellen musste. Die Herausforderung bestand nicht nur in der operativen Neuausrichtung, sondern insbesondere in der Wiederherstellung einer kollektiven Identität, eines funktionalen Zusammenspiels und einer produktiven Teamkultur.

Ausgangssituation: Die Auflösung gewohnter Strukturen

Mit der Umstrukturierung wurden mehrere Teams neu zusammengesetzt, Abteilungen fusioniert und Verantwortlichkeiten umverteilt. Dies führte zu einem fundamentalen Bruch mit bisherigen Arbeitsweisen und impliziten Regeln der Zusammenarbeit. Während das Management den Fokus auf Synergien und Effizienzsteigerungen legte, erlebten viele Mitarbeitende die Veränderungen als disruptive Eingriffe in bestehende Rollenverständnisse und informelle Hierarchien.

Besonders betroffen war ein Entwicklungsteam, das aus vormals separaten Gruppen zusammengeführt wurde. Die Neuordnung der Zuständigkeiten führte zu einem Paradoxon der Verantwortungsübernahme: Während einige Mitarbeitende mit der Fülle an neuen Aufgaben überfordert waren, zogen sich andere zurück, da ihre früheren Einflussbereiche erodierten. So entstand eine Phase der Orientierungslosigkeit, in der sich individuelle Unsicherheiten und zwischenmenschliche Spannungen wechselseitig verstärkten. Die zentrale Fragestellung war daher nicht nur, wie das Team „arbeitsfähig“ bleibt, sondern wie ein kultureller und funktionaler Neustart gelingen kann.

Zielsetzung: Vom Krisenmodus zur kooperativen Selbstgestaltung

Ein nachhaltiger Wandel sollte nicht nur durch neue Prozesse und Strukturen verordnet werden, sondern durch die aktive Partizipation der Betroffenen in ihrer eigenen Entwicklung. Vier zentrale Prinzipien bildeten den strategischen Rahmen für die Intervention:

  1. Transparenz und Klarheit über neue Rollen und Verantwortlichkeiten:

    Vermeidung von Doppelzuständigkeiten und diffusen Erwartungshaltungen.

  2. Förderung von Eigenverantwortung und Entscheidungsfreude:

    Schaffung eines Rahmens, in dem Mitarbeitende sich als selbstwirksam erleben können.

  3. Überwindung von Widerständen durch soziale Integration:

    Adressierung emotionaler Vorbehalte und Stärkung eines neuen Wir-Gefühls.

  4. Schaffung eines produktiven und wertschätzenden Arbeitsklimas:

    Transformation des Teams von einer zufälligen Gruppe hin zu einer synergetischen Einheit.

Methodisches Vorgehen: Ein mehrdimensionaler Transformationsansatz

1. Individuelle Rollenklärung durch reflexive Selbstverortung

Durch strukturierte Interviews und eine Potenzialanalyse wurden individuelle Kompetenzen, Bedürfnisse und Entwicklungsperspektiven erhoben. Anstatt Aufgaben von oben zuzuweisen, wurde den Mitarbeitenden ermöglicht, ihre eigenen Verantwortungsbereiche aktiv mitzugestalten. Dieser Ansatz minimierte Widerstände und stärkte die Identifikation mit den neuen Rollen.

2. Etablierung von „Ownership Circles“ als partizipative Entscheidungsräume

Ein traditionelles Top-down-Modell wurde durch kollaborative Workshops ersetzt, in denen Teammitglieder ihre Rollen interaktiv definierten. Dieser Prozess förderte nicht nur eine höhere Akzeptanz, sondern schuf eine Kultur der Selbstorganisation und Verantwortungsübernahme.

3. Peer-Coaching als Mittel zur zwischenmenschlichen Neujustierung

Um Spannungen zwischen langjährigen und neuen Teammitgliedern zu entschärfen, wurden Peer-Coaching-Sessions durchgeführt. Hierbei standen der wechselseitige Austausch über Erfahrungen, das Verständnis für unterschiedliche Perspektiven und die Förderung einer respektvollen Kommunikation im Vordergrund.

4. Einführung einer agilen Entscheidungsarchitektur

Anstelle einer zentralisierten Entscheidungsstruktur wurden klare Delegationsmechanismen eingeführt. Jedes Teammitglied erhielt spezifische Entscheidungsbefugnisse für seinen Verantwortungsbereich, wodurch Abstimmungsprozesse beschleunigt und die Eigeninitiative gefördert wurden.

5. Nutzung von Gamification zur Stärkung kollaborativer Dynamiken

Ein spielerisches Anreizsystem wurde implementiert, das konstruktive Interaktionen belohnte. Punkte wurden beispielsweise für Wissenstransfer, aktive Unterstützung von Kolleg:innen und schnelle Reaktionen auf Probleme vergeben. Dieser Mechanismus förderte nicht nur die Zusammenarbeit, sondern auch die intrinsische Motivation der Teammitglieder.

Ergebnisse und Wirkung: Indikatoren für eine gelungene Transformation

Nach vier Monaten wurden deutliche Veränderungen sichtbar:

  • Die wahrgenommene Klarheit über Rollen und Verantwortlichkeiten stieg um 35 %, gemessen durch interne Umfragen.

  • 80 % der Teammitglieder gaben an, sich mit ihrer neuen Position wohler zu fühlen.

  • Eine signifikante Reduktion von Konflikten und Eskalationen wurde beobachtet.

  • Das Engagement und die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden nahmen messbar zu.

Fazit: Die Evolution von Teams als lernende Systeme

Die tiefgreifende Umstrukturierung stellte das Team vor erhebliche Herausforderungen, die weit über rein operative Anpassungen hinausgingen. Doch durch einen partizipativen, reflektierten und dynamischen Entwicklungsprozess konnte aus anfänglicher Verunsicherung eine neue Form der Kohärenz und Produktivität entstehen. Die Transformation von Teams erfordert nicht nur organisatorische Neuausrichtungen, sondern auch psychologische und soziale Begleitprozesse, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Dieses Projekt  verdeutlicht, dass Veränderung nicht nur ein notwendiges Übel, sondern eine Chance zur Neugestaltung sein kann – wenn sie als gemeinschaftlicher, bewusster und systematisch begleiteter Prozess verstanden wird. In diesem Sinne ist die Evolution von Teams nicht nur eine strukturelle Notwendigkeit, sondern ein essenzieller Bestandteil organisationalen Lernens und nachhaltiger Entwicklungsfähigkeit.